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Was ist Medienkompetenz und weshalb wird sie vor allem für Kinder immer wichtiger? – Thomas Feibel im Interview

Thomas Feibel (Jg. 1962) ist der führende Journalist zum Thema "Kinder und Computer" in Deutschland. Er leitet das Büro für Kindermedien (www.feibel.de) in Berlin, publiziert u. a. in c't, familie&co sowie Dein Spiegel und arbeitet auch für Hörfunk und Fernsehen. Feibel schreibt Sachbücher, hält Vorträge, gibt Workshops und hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Kürzlich hat er in Zusammenarbeit mit medhochzwei und der Auerbach Stiftung das "Hausaufgabenheft PLUS" und den Medienkompetenzkalender "Endlich Offline – mehr Zeit für Familie und Schule" herausgebracht. Seit 2002 ist er außerdem Herausgeber des TOMMI Kindersoftwarepreises. 2014 wurde er von Bibliothek & Information Deutschland (BID) für seine Arbeit zur Leseförderung und Vermittlung elektronischer Medien für Kinder und Jugendliche mit der Karl-Preusker-Medaille ausgezeichnet.

 

Herr Feibel, wie sind Sie in Ihrer journalistischen Arbeit zum Schwerpunkt Medienkompetenz gekommen?
Ich setze mich bereits seit den 90er Jahren intensiv als einer der ersten Journalisten mit dem Thema Kinder und digitale Medien auseinander. Erst habe ich kritisch das Angebot gesichtet und bewertet, mich dann aber auch damit beschäftigt, was digitale Medien mit Kindern machen oder welchen erheblichen Risiken sie ausgesetzt sind. Dazu schreibe ich zahlreiche Artikel und Sachbücher, aber auch Kinder- und Jugendbücher in Romanform. Ich neige weder dazu, Smartphones & Co. blind zu verteufeln, noch sie blind zu erhöhen. Der rote Faden meiner Arbeit lautet: Ich möchte, dass es Kindern mit neuen Medien gut geht und sie im Umgang mit digitalen Medien lernen, auf sich aufzupassen.

Was bedeutet für Sie Medienkompetenz?
Ich finde den Begriff der „Lesefähigkeit“ eindeutiger als Medienkompetenz. Jedes Medium braucht eine eigene Lesefähigkeit. Mit der Lesefähigkeit, die wir für Bücher oder Filme erworben haben, kommen wir bei Spielen wie Fortnite nicht weiter. Games bedürfen einer eigenen Lesefähigkeit. Ähnliches gilt für das Internet, soziale Medien und Big Data. Das Erstaunliche daran: Zum ersten Mal wollen wir unsere Kinder vor etwas beschützen, das uns alle gemeinsam betrifft. Und auf viele Dinge haben selbst wir Erwachsenen keine Antwort, etwa wie wir uns vor Manipulation oder dem Ausspioniertwerden im Netz schützen können. Das müssen wir bei der Medienerziehung unserer Kinder vor Augen haben, anstatt uns allein über Nutzungszeiten und übermäßigen Konsum den Kopf zu zerbrechen. Der Erziehungsauftrag ist deutlich größer.

Wo kann Erziehung ansetzen?
Kinder und Jugendliche beschäftigen sich von alleine mit digitalen Medien und müssen – anders als bei Hausaufgaben und Zimmer aufräumen – nicht angeschubst werden. Sie besitzen eine sehr hohe Bedienkompetenz, können aber oft die Folgen ihres Handelns nicht einschätzen. Darum müssten wir alle sechs Monate über Chancen und Gefahren sprechen. Denn die Kinder verändern sich – wie auch die Angebote im Netz. Das Dumme an der Geschichte ist nur, dass wir oft nur über die negativen Seiten reden. Wichtiger wäre es, die positiven Seiten zu betonen und Kinder und Jugendliche vom reinen Konsumieren zum kreativen Gestalten zu bringen. Ein Beispiel: Wenn ich mit Kindern einen Fotoroman mache, dann hören sie mir beim Thema Fotos – was ist erlaubt, was nicht – eher zu, weil wir gleich positiv zu Werke gehen und nicht das Damoklesschwert eines möglichen Verbotes über der Aktion hängt. Wir sind zu negativ, aber es gibt natürlich auch ein Recht, sich Sorgen zu machen.

Können digitale Medien der Gesundheit von Kindern schaden?
Ja, denn Kinder verbringen heute deutlich mehr Zeit mit ihrem Smartphone, als ihnen guttut. Allerdings reden wir zu oft und zu schnell von Sucht. Oft ist es aber kein Sucht-, sondern ein Erziehungsproblem, wenn Kinder zu viel Zeit damit verbringen. Neben dem übermäßigen Konsum macht mir aber etwas anderes große Sorgen: Inwiefern lösen die Social-media-Aktivitäten junger Menschen neben der vielen Bestätigung auch sehr schlechte Gefühle aus? Etwa, wenn die Bestätigung ausbleibt oder beleidigende Kommentare das ohnehin schon zarte Selbstwertgefühl durchlöchern. Kinder und Jugendliche brauchen Ruhe, um zu wachsen. Und sie brauchen Erwachsene, die ihnen helfen, die richtige Balance, den goldenen Mittelweg zwischen realem Leben und der digitalen Welt zu finden. Das müssen wir Kindern bewusstmachen, aber auch uns selbst.



Haben Sie deshalb den Kalender „Endlich Offline – mehr Zeit für Familie und Schule“ gemeinsam mit den Experten verfasst?
Hier die Antwort als Audio-Aufnahme anhören.

Ganz genau. Wenn wir über Medien sprechen, überwiegt oft das Negative. Zusammen mit dem medhochzwei Verlag war uns schnell klar, dass Humor eine exzellente Brücke sein kann, sich mit einer bunten Reihe von Präventivthemen auseinanderzusetzen. Für den Lacher – oft mit einem galligen Unterton – sorgen die witzigen Cartoons von Oli Hilbring. Sie bringen die ganz großen Sorgen und Probleme mit Bild und wenig Text genau auf den Punkt. Sobald wir darüber lachen, nimmt es dem Thema die Schwere. Aber auch auf den Kalender-Rückseiten gibt es von Prof. Lembke und Dr. Lüdke profunde Problemstellungen und deren Lösungen. Da wir alle im Alltag nur selten merken, wie die Tage dahinfließen, hat der Kalender die Funktion des monatlichen Innehaltens. Dabei kann dann gemeinsam mit den Kindern über Medienstress und Abzocke diskutiert werden.

Sie sprechen aber auch Kinder direkt an. Mit dem „Hausaufgabenheft PLUS“. Wie kam es dazu?
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Ich schreibe ja seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbücher, habe aber nach einem Medium gesucht, das Kinder jeden Tag in die Hand nehmen. Dafür ist das Hausaufgabenheft genau richtig. Der Sinn eines solchen Heftes ist ja eigentlich, dass Kinder ihre Hausaufgaben nicht vergessen sollen. Aber dieses Konzept haben wir um wichtige Inhalte aufgepimpt. So gibt es zahlreiche Hinweise zur Steigerung der Medienkompetenz, aber auch Konzentrationsübungen, Rätsel und viel Quatsch. Es soll ein Hausaufgabenheft sein, das Spaß macht und nützliches Wissen vermittelt. Unsere Tests im Vorfeld mit Schulkindern haben uns gezeigt, dass sie sich regelrecht darin festlesen. Das hat, glaube ich, noch kein Hausaufgabenheft erlebt.
 

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